Der wirtschaftliche Nutzen von digitalen Identitäten im öffentlichen Bereich

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Die Digitalisierung unserer Verwaltung verfolge ich mit großem Interesse. Wir als Bürger sind ja schließlich die Kern-Nutznießer, wenn es darum geht, zeit- und nervenraubende Behördengänge endlich online abwickeln zu können.

Das Online-Zugangsgesetz und die Pandemie scheint uns tatsächlich in eine neue Ära zu katapultieren. In Zeiten des Social Distancing zeigen sich die Möglichkeiten digitaler Services an vielen Stellen sehr deutlich. Gleichzeitig hat die Pandemie aber auch offengelegt, wo Abläufe noch nicht zu Ende gedacht wurden. Weil sich momentan so viel tut, haben auch die großen Analystenhäuser Studien zum Potenzial der Digitalisierung von Behörden erstellt und verweisen vor allem auf den wirtschaftlichen Nutzen, der hier schlummert.

In den USA, einem Land, dem man wirklich nicht nachsagen kann, dass es im Bereich der Digitalisierung hinterherhinken würde, diskutierte man zuletzt heftig und kontrovers über das Briefwahlsystem und dessen Fehleranfälligkeit. Der unglaubliche Aufwand, der in die manuelle Auszählung aller Stimmen gesteckt werden musste, hielt am Ende die ganze Welt für über eine Woche in Atem.

In Japan, ein Land, in dem viele alte Werte und Bräuche gehegt und gepflegt werden, überdenkt man die jahrhundertealte Hanko-Stempeltradition. Die Stempel sind gleichbedeutend mit unseren Unterschriften und durchdringen die gesamte Gesellschaft. Es gibt Stempel für Behörden, für Unternehmen und für Privatpersonen und über 10.000 Verwaltungsvorgänge mit Stempelpflicht. Damit einher gehen auch unzählige nicht- bzw. halbdigitale Prozesse, die zu teilweise abstrusem Mehraufwand führen.

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Vorteile digitaler Ökosysteme

Und in Deutschland? Auch bei uns tut sich viel, wobei auch wir hier und da noch über unsere eigenen Füße stolpern. Manchmal ist es zum Schmunzeln, manchmal ein wenig nervenaufreibend. Ich habe mir zum Beispiel während der Pandemie eine bayerische Bürger-ID zugelegt, mit der ich dann zwei Behördengänge initiiert habe! Diese ID wurde mir auf den jeweiligen behördlichen Webseiten ans Herz gelegt, damit ich meine Themen digital bearbeiten kann. Nun hat Bayern also einen weiteren Bürger mit digitaler Identität… dass diese ID immer noch auf Benutzernamen und Passwort basiert, diskutieren wir vielleicht zu einem anderen Zeitpunkt. Viel aufschlussreicher war für mich die Tatsache, dass mein erster digitaler Behördengang dann per Post beantwortet wurde, auf den ich als neuer digitaler Bürger mit einer E-Mail reagierte, während mich die digitale Plattform gleichzeitig darüber informierte, dass der digitale Antrag nun aus Datenschutzgründen gelöscht würde. Er hatte lediglich der Übermittlung gedient. Das war, dank guten Endes, einer der Momente zum Schmunzeln. Mein telefonisches Nachhaken bei der Behörde hat mir ein weiteres Lächeln entlockt, als der freundliche Mitarbeiter meinte, die Unterlagen seien zwar eingegangen, aber man sei noch nicht bis zum „Datum des Posteingangs“ vorgedrungen.

Der zweite Behördengang gestaltete sich ein wenig nervenaufreibender und hat mir gezeigt, dass Digitalisierung als durchgängiger Prozess gestaltet werden muss und vor allem eine neue Art des Denkens erfordert:

Es ging um eine Kfz-Zulassung, in einer komplexeren Form, denn der gesamte Kauf- bzw. Leasingprozess wurde digital abgewickelt: Der Händler sitzt nicht in Bayern und bei dem Neufahrzeug handelte es sich um ein Elektroauto, dessen Anmeldung noch nicht standardisiert gehandhabt wird. Die Zulassung erfolgte während der Pandemie und damit möglichst ohne menschlichen Kontakt.

Zunächst lese ich als neuer ID-Inhaber voller Freude, dass Neuzulassungen nun mit eben jener komplett online erfolgen können. Doch schon auf der ersten Seite stoße ich auf Unwägbarkeiten, weil Fahrzeugdaten eingegeben werden sollen. Diese sind jedoch nicht verfügbar, weil es sich einerseits um ein Leasingfahrzeug handelte und noch dazu um ein fast noch in der Fabrik stehendes Neufahrzeug. Also beschließe ich, doch einen Termin online zu vereinbaren, um die Zulassung vor Ort vorzunehmen. Ebenfalls unmöglich, denn sämtliche Termine für den Monat sind bereits vergeben und der neue Monat ist noch nicht freigeschalten. Nach telefonischem Warteschleifenmarathon weiß ich, dass immer montags früh neue Termine vergeben werden.

Ich sitze also an besagtem Montag wie bei einem Sommerschlussverkauf um sieben Uhr morgens am Computer und warte auf die neuen Termine. Vielleicht kann ich zumindest das Nummernschild schonmal online bestellen? Nein. Der E-Zusatz auf dem Schild ist auch online nicht zu ergattern und muss vor Ort geprägt werden. Der digitale Bürger ist am Ende doch ein wenig genervt, ob der vielen zusätzlichen Sonderschleifen, die für die dann doch sehr analoge Kfz-Anmeldung gedreht werden müssen.

Was lerne ich daraus? Die Bürger-ID ist ein wichtiger Anfang und die Pandemie hat sicherlich einige neue digitale Bürger hervorgebracht. Es ist jedoch noch ein weiter Weg von einer digitalen Bürgeridentität bis hin zu einer wirklich durchgängigen digitalen Umsetzung behördlicher Leistungen. Erst wenn die kommunalen Prozesse auch auf digitaler Ebene bis zum Ende durchdacht sind, werden wir wirklich das Potenzial umsetzen können, das uns digitale Identitäten ermöglichen.